Freitag, später Nachmittag, es nieselt leicht, der Himmel ist trüb. Das Ausrufezeichen sitzt alleine auf einer Parkbank. Es hat das Gesicht in beide Hände vergraben und starrt traurig auf den gegenüberliegenden Teich: Enten, die stoisch, fast mechanisch ihre Bahnen ziehen, Frösche, die wahllos umherquaken. „Was ist nur los mit den Leuten?“, fragt sich das hochgewachsene Symbol für Nachdruck. Sie schubsen mich von Satz zu Satz, zerren mich von Cover zu Cover, unentwegt. Ohne darüber nachzudenken, wie es mir dabei geht. Früher wurde ich bei der Mondlandung engagiert, oder bei gewonnenen Fußball-Weltmeisterschaften, heute reicht es, wenn der Bachelor eine Kandidatin vernascht oder David Hasselhoff einen Burger.“
Verzweifelt schüttelt das punktbestückte Wesen den Kopf. Seine Augen werden glasig: „Das Semikolon hat mal wieder Urlaub, es lümmelt auf Jamaica in einer Hängematte und raucht genüsslich seine Chesterfields. Das Dollarzeichen ist bereits ausgestiegen, fährt Tag für Tag im pinken Cadillac durch die Hamptons und pfeift den hübschen Klammeräffchen hinterher. Und ich? Muss andauernd auf Facebook die Beziehungsdramen pubertierender Mädels regeln. Meistens klingeln diese Gören mich und meine Brüder mitten in der Nacht aus dem Bett, um uns mit fremden Einsen und Fragezeichen zu paaren*. Dabei kann ich diese Zahlen überhaupt nicht leiden. Die waren in Mathe immer so gut.“
„Wann hört dieses geschriebene Hupkonzert endlich auf? Wann verstehen die da draußen, dass nicht der Lauteste Recht hat, sondern der mit den besten Argumenten? Oft habe ich das Gefühl, die Qualität eines Satzes sinkt proportional mit der Buchung meiner Kollegen.“ Das Sonderzeichen erhebt sich und läuft einige Meter, bevor es trotzig einen Stein gegen einen stählernen Mülleimer kickt. Sein Weg führt erst durch den Parkausgang, dann zur „Buchstabensuppe“, einer kürzlich am Stadtrand eingeweihten Beratungsstelle für ausgebrannte Satzzeichen.
Dem einst stolzen Symbol geht es gar nicht gut. Es fordert Ruhe und Gelassenheit. Zu Recht, denn in seinem Arbeitsvertrag steht geschrieben, dass es ausschließlich nach Ausrufe-, Wunsch- und Aufforderungssätzen sowie nach Ausrufewörtern und nach bedingten indirekten Fragen verwendet werden darf. Trotzdem wird es immer wieder ausgebeutet – in Internet, Boulevardpresse und Werbung. Tendenz: stark ansteigend. Möchten wir wirklich zulassen, dass Sensations-Redakteure, Facebook-Bitches und Twitter-Egomanen wildes Geschrei über Monitor oder Papier kultivieren? Nein! Die Zeit ist reif, aufzustehen und für Rahmenbedingungen zu kämpfen, mit denen sich das Ausrufezeichen wieder identifizieren kann – weil es mit Überzeugung und Leidenschaft der Interpunktion nachgehen darf. Ohne sich falsche Vorwürfe machen zu müssen. Gemeinsam für das Zeichen, gemeinsam für uns. Das ist der Weg. Punkt.
*„Der is mir fremdgegangen, fuck, was geht!!1!!1!??!“


